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UA 007/23
Palästina
Aktiv seit 24. Januar 2023 | Noch 47 Tage Laufzeit

Zwei Frauen aus Gaza in grosser Gefahr

AI-Index: MDE 21/6375/2023

Vor wenigen Monaten waren die beiden Schwestern Wissam und Fatimah al-Tawil vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen, indem sie aus einem Fenster im sechsten Stock sprangen. Am 6. Januar haben palästinensische Sicherheitskräfte die beiden Frauen aus dem Gazastreifen wieder zurückgebracht. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört.

Die 24-jährige Wissam al-Tawil und ihre 20-jährige Schwester Fatimah al-Tawil waren in ihrem Zuhause im Geflüchtetenlager Rafah im Gazastreifen monatelang verschiedensten Formen schwerer Gewalt vonseiten ihres Vaters ausgesetzt. Zu den Gewalttaten gehört unter anderem wiederholter Freiheitsentzug. So wurden sie in einem verschlossenen Raum festgehalten, in einem Fall sogar 36 Tage lang. Ihr Vater schlug sie, versuchte sie ständig einzuschüchtern, drohte ihnen mit weiterer Gewalt und Mord und «verhörte» sie mit vorgehaltener Waffe. Amnesty International konnte dies nach der Prüfung diverser Dokumente, Bilder und Videos und nach Gesprächen mit den beiden Schwestern und ihren Bekannten bestätigen.

Im September 2022 waren die beiden Schwestern aus ihrem Haus geflohen, indem sie aus einem Fenster im sechsten Stock sprangen. Anschliessend waren sie in einer Unterkunft für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Mädchen untergekommen. Bereits im August 2022 hatten sie Beschwerde bei der Polizei eingereicht. Sie schilderten dort die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und die sie dazu zwang, Schutz zu suchen. Die Behörden, darunter auch der Leiter der von der Regierung betriebenen Unterkunft für Frauen, verhinderten jedoch, dass die Schwestern mit Vertreter*innen der Staatsanwaltschaft sprechen und ihre Beschwerde weiterverfolgen konnten.

Ihr Vater nutzte seit ihrer Flucht seine Facebook-Seite und einen Kreis von Unterstützer*innen im Geflüchtetenlager Rafah, um die beiden Schwestern weiter zu bedrohen, ihre Rückführung durch die Polizei, auch unter Gewaltanwendung, zu fordern und ihren Ruf zu schädigen. Am 5. Januar 2023 brachten palästinensische Sicherheitskräfte sie schliesslich zu ihrem gewalttätigen Vater zurück. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Die palästinensische Regierung hatte zuvor bestätigt, dass den Frauen Schutz gewährt werden würde. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen, insbesondere wenn sie sich – wie in diesem Fall – der besonderen Risiken bewusst sind.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

In einem Artikel, der am 24. Dezember 2022 auf der Nachrichtenseite raseef22.net veröffentlicht wurde, erzählte Wissam al-Tawil mutig von ihrem Leidensweg und sprach ihre Solidarität für alle Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt aus. Ende 2022 haben Wissam und Fatimah al-Tawil aussergewöhnlichen Mut bewiesen, indem sie sich gegen die Gewalt, die sie erlebt haben, aussprachen, und ihre Erfahrungen über soziale Netzwerke mit anderen teil-ten. Auch die Drohungen auf der Facebook-Seite ihres Vaters konnten sie nicht davon abhalten, ihre Geschichte weiterhin zu erzählen. Die Schwestern sagten, dass sie nicht nur für sich selbst sprechen, sondern für alle Frauen, die von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sind.
Die beiden Frauen versuchten am 25. Oktober 2022 den Gazastreifen über den Grenzübergang Rafah zu verlassen, wurden allerdings von den palästinensischen Behörden darüber informiert, dass sie nicht ausreisen dürfen. Seitdem haben die beiden Frauen wiederholt um eine Ausreisegenehmigung gebeten. Die Behörden weigerten sich jedoch jedes Mal diese auszustellen, obwohl kein gerichtlich angeordnetes Reiseverbot gegen die beiden Frauen besteht.
Nach monatelangem Druck vonseiten ihres Vaters, wurden die beiden Schwestern am 12. November 2022 gezwungen, die Unterkunft für Frauen zu verlassen. Er hatte die Behörden beschuldigt, «Familienwerte» zu zerstören und gegen soziale Normen zu verstossen, weil sie sich «geweigert» hätten, seine beiden Töchter herauszugeben, die er als sein Privateigentum ansieht. Der Vater hatte diese Aussagen in zahlreichen Videos wiederholt, die er auf Facebook und WhatsApp veröffentlichte.
Die beiden Frauen berichteten Amnesty International, dass sich das Verhalten des Vaters wie «psychologische Kriegsführung» angefühlt habe und dass sie gegen ihren Willen gezwungen wurden, die Unterkunft zu verlassen und nach Rafah zurückzukehren. Sie sagten aus, dass der Leiter der Unterkunft erniedrigende Durchsuchungen bei ihnen durchgeführt habe, bei denen er ihre Mobiltelefone beschlagnahmt hätte. Ausserdem habe eine Polizistin der Frauen-Abteilung des Gazastreifens, deren Aufgabe die Kontrolle des Verhaltens von Frauen ist, sie angewiesen, die Unterkunft umgehend zu verlassen. Daraufhin versteckten sie sich mehrere Wochen lang, bis sie schliesslich von palästinensischen Sicherheitskräften aufgegriffen und am 5. Januar 2023 zu ihrer Familie zurückgebracht wurden. Die letzten Worte, die sie am 6. Januar 2023 gegen 1 Uhr morgens an Amnesty International schicken konnten, waren: «Das ist unser Untergang.»
Im Jahr 2014 hat der Staat Palästina die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ratifiziert. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, Frauen vor Gewalt zu schützen, angemessene Rechtsmittel für Überlebende zu gewährleisten, und Täter*innen zur Rechenschaft zu ziehen.

 

Empfohlene Aktionen

  • Schreiben Sie einen Appellbrief in Ihren eigenen Worten oder verwenden Sie den untenstehenden Modellbrief.

  • Werden Sie in den sozialen Medien aktiv: Infos (in English) siehe gelbes Feld rechts.

  • Bitte schreiben Sie vor dem 21. März 2023.

  • Schreiben Sie in gutem Arabisch, Englisch oder auf Deutsch.

Modellbrief

Sehr geehrter Herr Minister

Die 24-jährige Wissam al-Tawil und ihre 20-jährige Schwester Fatimah al-Tawil waren in ihrem Zuhause im Geflüchtetenlager Rafah im Gazastreifen monatelang verschiedensten Formen schwerer Gewalt vonseiten ihres Vaters ausgesetzt. Zu den Gewalttaten gehört unter anderem wiederholter Freiheitsentzug. So wurden sie in einem verschlossenen Raum festgehalten, in einem Fall sogar 36 Tage lang. Ihr Vater schlug sie, versuchte sie ständig einzuschüchtern, drohte ihnen mit weiterer Gewalt und Mord und «verhörte» sie mit vorgehaltener Waffe. Amnesty International konnte dies nach der Prüfung diverser Dokumente, Bilder und Videos und nach Gesprächen mit den beiden Schwestern und ihren Bekannten bestätigen.

Im September 2022 waren die beiden Schwestern aus ihrem Haus geflohen, indem sie aus einem Fenster im sechsten Stock sprangen. Anschliessend waren sie in einer Unterkunft für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und Mädchen untergekommen. Bereits im August 2022 hatten sie Beschwerde bei der Polizei eingereicht. Sie schilderten dort die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und die sie dazu zwang, Schutz zu suchen. Die Behörden, darunter auch der Leiter der von der Regierung betriebenen Unterkunft für Frauen, verhinderten jedoch, dass die Schwestern mit Vertreter*innen der Staatsanwaltschaft sprechen und ihre Beschwerde weiterverfolgen konnten.

Ihr Vater nutzte seit ihrer Flucht seine Facebook-Seite und einen Kreis von Unterstützer*innen im Geflüchtetenlager Rafah, um die beiden Schwestern weiter zu bedrohen, ihre Rückführung durch die Polizei, auch unter Gewaltanwendung, zu fordern und ihren Ruf zu schädigen. Am 5. Januar 2023 brachten palästinensische Sicherheitskräfte sie schliesslich zu ihrem gewalttätigen Vater zurück. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört. Die palästinensische Regierung hatte zuvor bestätigt, dass den Frauen Schutz gewährt werden würde. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, sich gegen geschlechtsspezifische Gewalt einzusetzen, insbesondere wenn sie sich – wie in diesem Fall – der besonderen Risiken bewusst sind.

Ich fordere Sie auf, nachzuweisen, dass Wissam und Fatimah al-Tawil am Leben sind und sich in Sicherheit befinden. Die palästinensischen Behörden sind dazu verpflichtet, die Schwestern vor jeglicher Form von Gewalt zu schützen, ihre Sicherheit zu gewährleisten und ihr Recht auf freie Wahl des Wohnsitzes zu respektieren.

Alle rechtlichen Schritte, Massnahmen zu ihrem Schutz und ihrer Unterstützung, sowie Angebote für Betroffene und Überlebende von häuslicher und/oder geschlechtsspezifischer Gewalt müssen auf das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen ausgerichtet sein und dieses stärken. Es müssen Rechenschaftsmechanismen eingeführt werden, die sowohl Täter*innen vor Gericht bringen als auch Betroffenen Zugang zu vollumfänglicher Unterstützung gewähren.

Ausserdem müssen die Sicherheitskräfte, die Wissam und Fatimah al-Tawil festgenommen und ihrem Vater ausgeliefert haben, zur Rechenschaft gezogen werden.

Hochachtungsvoll,

 

- - -
Zusätzlicher Appell:
Ich rufe die palästinensischen Behörden auf, ein solides System zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt aufzubauen.

 

Appelle an

Ministry for Social Development
Dr Ghazi Hamad

Fax: (00 970) 8282 74 74
E-Mail: mosdgovps@gmail.com

Facebook: DrGhaziHamad
Twitter: @MinistryGaza
→ Facebook und Twitter sind die besten Möglichkeiten, die Zielperson zu erreichen


Kopien an

Palästina-Mission
Elfenstrasse 3
3006 Bern

Fax: 031 352 14 09
E-Mail: chemb@mofa.pna.ps

 


Mögliche Antwort auf Ihren Appellbrief

Es ist möglich, dass Sie ein Antwortschreiben auf Ihren Appellbrief erhalten. Sie müssen nicht selber auf diese Schreiben antworten, aber wir sind dankbar, wenn sie uns dieses Antwortschreiben zukommen lassen. Idealerweise gescannt per E-mail an ua@amnesty.ch. Wir leiten die Antwortschreiben jeweils an das zuständige Research-Team (via das Internationale Sekretariat von Amnesty) weiter. Die Kolleg*innen analysieren den Inhalt und entscheiden über das weitere Vorgehen, das allenfalls in einer Further information zum tragen kommt.

Wir befürchten keinerlei Konsequenzen für UA-Aktivist*innen in der Schweiz.
Möglicherweise ist es sinnvoll, eventuell keinen Brief zu schreiben, falls Sie in das Land einreisen möchten (oder dort Familie haben). Dies betrifft vor allem «problematische» und repressive Länder. (Russland, Türkei, China, ...)

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