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Startseite Urgent Actions 2020 09 Young victim of videoed torture still missing
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Russland
Aktiv seit 17. September 2020 | Noch 17 Tage Laufzeit

Junges Opfer von Video-Folter wird immer noch vermisst

AI-Index: EUR 46/3072/2020

Am 5. September wurde der 19-jährige Salman Tepsurkaev aus der Region Krasnodar im Süden Russlands entführt. Er war Administrator des Telegram-Kanals 1ADAT, der Kritik an den tschetschenischen Behörden übt. Berichten zufolge wurde er nach Tschetschenien gebracht und wird möglicherweise in Grosny von Sicherheitskräften ohne Kontakt zur Aussenwelt in geheimer Haft gehalten. Sein Verbleib ist nach wie vor unbekannt, doch in den Sozialen Medien ist ein Video zu sehen, in dem er sexuell misshandelt wird, um ihn für seine Zusammenarbeit mit 1ADAT zu «bestrafen».

Salman Tepsurkaev ist Administrator des Telegram-Kanals 1ADAT, der den tschetschenischen Behörden kritisch gegenübersteht und über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien aufklärt. Der 19-Jährige wurde Berichten zufolge entführt und gefoltert. Er «verschwand» am 5. September in Gelendschik in der russischen Region Krasnodar, und am 7. September fand in den Sozialen Medien ein Video Verbreitung, in dem zu sehen ist, wie Salman Tepsurkaev sexuell misshandelt wird. Gegen Ende der Aufzeichnung sagt Salman Tepsurkaev, dies sei seine Strafe für die Zusammenarbeit mit 1ADAT.

1ADAT sowie unabhängige russische Medien und Menschenrechtsorganisationen haben seither neue Videoaufnahmen und andere Materialien veröffentlicht, die darauf hindeuten, dass Salman Tepsurkaev von Angehörigen der tschetschenischen Sicherheitskräfte nach Tschetschenien verschleppt und dort rechtswidrig inhaftiert wurde. Diese Quellen benennen auch die behördliche Einrichtung in Grosny, in der er wahrscheinlich festgehalten wird. Da er keinen Kontakt zur Aussenwelt hat, ist er in besonderem Masse von weiterer Folter und Misshandlung bedroht.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN

Der Telegram-Kanal 1ADAT besteht seit Anfang März 2020 und hat mittlerweile mehrere Tausend NutzerInnen. Der Kanal veröffentlicht Informationen über Menschenrechtsverletzungen wie z. B. Entführungen und rechtswidrige Inhaftierungen in Tschetschenien und postet auch satirische Skizzen von tschetschenischen BeamtInnen. Er wird von mehreren Administratoren verwaltet, die anonym bleiben und sich selbst als «Volksbewegung» und «KämpferInnen gegen das Regime von Ramsan Kadyrow» bezeichnen.
Laut der unabhängigen russischen Zeitung Novaya Gazeta versuchen die tschetschenischen Behörden seit Mai, die GründerInnen, AdministratorInnen und Mitwirkenden von 1ADAT ausfindig zu machen, von denen sich die meisten offenbar in Tschetschenien befinden. Dank der von den AdministratorInnen ergriffenen Sicherheitsmassnahmen blieben diese Versuche bisher allerdings erfolglos. Salman Tepsurkaev gefährdete jedoch seine Anonymität, indem er persönliche Informationen an eine Person weitergab, bei der es sich wahrscheinlich um einen Undercover-Polizisten handelte.
Unter Ramsan Kadyrow sind Menschenrechtsverletzungen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien an der Tagesordnung, und die Verantwortlichen gehen beinahe immer straffrei aus. Die freie Meinungsäusserung wird seit Jahren brutal unterdrückt. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben zahlreiche Vorfälle dokumentiert, in denen KritikerInnen der Behörden – darunter MenschenrechtsverteidigerInnen, JournalistInnen und BloggerInnen – entweder auf der Grundlage haltloser Anklagen strafrechtlich verfolgt und inhaftiert oder entführt und getötet wurden. Wer es wagt, Ramsan Kadyrow oder seine Verwandten und Verbündeten bzw. andere Regierungsangehörige zu kritisieren, wird in vielen Fällen gezwungen, sich vor laufender Kamera zu erniedrigen und öffentlich für die Aktivitäten zu «entschuldigen». Diese Aufnahmen werden aufgezeichnet und entweder im Fernsehen ausgestrahlt oder in die Sozialen Medien gestellt. Gleiches gilt für Personen, die auf Probleme in ihrer Gegend wie z. B. die Schliessung eines Krankenhauses aufmerksam machen oder auf eine Weise um Unterstützung bitten, die Tschetschenien nach Auffassung der Behörden in einem schlechten Licht erscheinen lässt (zum Beispiel die Bitte um Unterstützung für den Unterhalt einer Grossfamilie). Diese Praxis der öffentlichen Erniedrigung wird seit 2015 grossflächig angewandt. Im Dezember 2015 wurde ein Mann gefilmt, der sich mit heruntergelassener Hose für die Kritik an Ramsan Kadyrow entschuldigte und seine Loyalität gegenüber den tschetschenischen Behörden beteuerte.
KritikerInnen von Ramsan Kadyrow sind auch im Ausland nicht sicher – es gibt immer wieder Berichte über verdächtige Angriffe und Tötungen, die von Tschetschenien auszugehen scheinen. So wurde z. B. am 13. Januar 2009 Umar Israilov, ehemaliger Leibwächter und später öffentlicher Kritiker von Ramsan Kadyrow, in Wien erschossen. Umar Israilov hatte Aussagen gemacht, die Ramsan Kadyrow direkt mit Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen in Verbindung brachten. Am 1. Februar 2020 wurde der tschetschenische Blogger Imran Aliev (auch bekannt als «Mansur der Alte») tot im nordfranzösischen Lille aufgefunden. Am 4. Juli 2020 wurde der Blogger Mamikhan Umarov in einem Wiener Vorort erschossen. Beide Blogger waren heftige Kritiker von Ramsan Kadyrow. Am 26. Februar 2020 wurde ein weiterer Blogger und Kadyrow-Kritiker, Tumso Abdurakhmanov, in seiner Wohnung im europäischen Ausland von einem Unbekannten mit einem Hammer angegriffen. Er konnte den Angreifer überwältigen und überlebte die Attacke.

 

Empfohlene Aktionen

  • Schreiben Sie einen Appellbrief in Ihren eigenen Worten oder verwenden Sie den untenstehenden Modellbrief.
  • Bitte schreiben Sie vor dem 12. November 2020.
  • Schreiben Sie in gutem Russisch, Englisch oder auf Deutsch.
  • INFO COVID-19 und weltweite Briefzustellung:
    Der Versand von Briefen PRIORITY ist nach fast allen Ländern möglich. Bitte prüfen Sie auf der Website der Schweizer Post in der Rubrik 'Verkehrseinschränkungen', ob Briefe im Zielland aktuell zugestellt werden. Falls nicht, bitten wir Sie andere Kommunikationskanäle – E-Mail, Fax oder soziale Medien, wenn vorhanden – für die Zustellung Ihres Appells zu nutzen und/oder senden Sie diesen via die Botschaft mit der Bitte um Weiterleitung an die genannte Person.

Modellbrief

Sehr geehrter Herr Volkov

Am 5. September wurde der 19-jährige Salman Tepsurkaev aus der Region Krasnodar im Süden Russlands entführt. Er war Administrator des Telegram-Kanals 1ADAT, der Kritik an den tschetschenischen Behörden übt. Er wurde möglicherweise nach Tschetschenien gebracht und wird offenbar in Grosny von Sicherheitskräften ohne Kontakt zur Aussenwelt in geheimer Haft gehalten. Sein Verbleib ist nach wie vor unbekannt, doch in den Sozialen Medien ist ein Video zu sehen, in dem er sexuell misshandelt wird, um ihn für seine Zusammenarbeit mit 1ADAT zu «bestrafen».

Ergreifen Sie bitte umgehend Massnahmen, um das Schicksal und den Verbleib von Salman Tepsurkaev festzustellen.

Sorgen Sie zudem für seine umgehende und bedingungslose Freilassung und stellen Sie sicher, dass er Zugang zur Justiz und wirksamen Rechtsbehelfen hat.

Leiten Sie bitte eine umfassende, zielführende, unabhängige und unparteiische Untersuchung der Entführung von Salman Tepsurkaev ein und sorgen Sie dafür, dass alle Vorwürfe über sexuelle Nötigung, Folter und andere Misshandlungen untersucht und die mutmasslich Verantwortlichen in fairen Verfahren vor Gericht gestellt werden.

Mit freundlichen Grüssen

Appelle an

Leiter der Ermittlungsbehörde in Tschetschenien
Lt.-Gen. Vitaly Gheorgievich Volkov
Ul. Altaiskaya, d. 3
Grozny, Chechen Republic
364000 RUSSISCHE FÖDERATION

E-Mail: ip-chechen@sledcom.ru
Twitter: @sledcom_rf
Facebook: https://www.facebook.com/sledcomru
Online-Formular (nur auf Russisch): https://chr.sledcom.ru/folder/873465

Anrede: Sehr geehrter Herr Volkov / Dear Head of the Investigative Directorate

 

 

Kopien an

Ambassade de la Fédération de Russie
Brunnadernrain 37
3006 Berne

Fax: 031 352 55 95
E-mail: rusbotschaft@bluewin.ch
12 Briefe verschickt  
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