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Startseite Urgent Actions 2015 10 Intellectual disability claim as execution set
UA 242/15
USA (Missouri)
Abgeschlossen am 4. November 2015

Drohende Hinrichtung

AI-Index: AMR 51/2735/2015

Ernest Lee Johnson soll am 3. November im US-Bundesstaat Missouri hingerichtet werden. Er ist wegen dreifachen Mordes während eines Raubüberfalls im Jahr 1994 zum Tode verurteilt worden. Es liegen Beweise vor, die eine geistige Behinderung von Ernest Lee Johnson belegen. Eine Hinrichtung wäre in diesem Fall folglich verfassungswidrig.

In den frühen Morgenstunden des 13. Februar 1994 entdeckte ein Polizist in einem Supermarkt in Columbia im US-Bundesstaat Missouri die Leichen der 44-jährigen Mary Bratcher, des 58-jährigen Fred Jones und der 57-jährigen Mabel Scruggs. Alle drei hatten in dem Supermarkt gearbeitet und waren an Kopfverletzungen gestorben. Ernest Lee Johnson, der regelmässig in dem Supermarkt eingekauft hatte, wurde festgenommen und wegen dreifachen Mordes angeklagt. Man stellte ihn im Mai 1995 vor Gericht, sprach ihn schuldig und verurteilte ihn zum Tode.

1998 ordnete der Oberste Gerichtshof von Missouri eine neue Strafzumessung an. Grund dafür war, dass der Rechtsbeistand von Ernest Lee Johnson es versäumt hatte, die Aussage eines Psychiaters vorzubringen, welcher seinen Mandanten untersucht hatte. Das Gericht erklärte, dass sich der «eindeutige und nachdrückliche Eindruck gefestigt» habe, dass diese Aussage «die Erwägungen der Geschworenen beeinflusst hätte». Nach Ansicht des Gerichts hätten sich die Geschworen in der Folge möglicherweise für eine lebenslange Haftstrafe ausgesprochen.

Bei der erneuten Festlegung des Strafmasses 1999 wurde gegen Ernest Lee Johnson jedoch wieder die Todesstrafe verhängt. 2002 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass die Hinrichtung von Menschen mit einer geistigen Behinderung (intellectual disability / mental retardation) verfassungswidrig ist. 2003 ordnete der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Missouri abermals eine neue Strafzumessung im Fall von Ernest Lee Johnson an. Diesmal, weil Beweise für eine geistige Behinderung nicht angemessen dargelegt worden waren. Sein Intelligenzquotient (IQ) war im Laufe seines Lebens mehrfach bestimmt worden. Bei einem IQ-Test im Alter von acht Jahren ergab sich ein IQ von 77, bei einem Test im Alter von zwölf Jahren betrug der gemessene IQ 63. Ernest Lee Johnson hatte Probleme in der Schule und besuchte eine Sonderschule. Bei ihm wurde ausserdem eine Alkoholembryopathie diagnostiziert. Dabei handelt es sich um eine Schädigung des Kindes, welche durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstanden ist und unter anderem zu geistigen Entwicklungsschädigungen führt. Ausserdem hat Ernest Lee Johnson während seiner Kindheit zwei schwere Kopfverletzungen erlitten.

2006 wurde Ernest Lee Johnson zum dritten Mal zum Tode verurteilt. Die Geschworenen waren der Ansicht, dass es keine ausreichenden Beweise für eine geistige Behinderung gäbe. Ernest Lee Johnsons Verteidigung hatte erklärt, dass die Beweislast nicht bei ihrem Mandanten liegen dürfe und der Staat beweisen müsse, dass er keine geistige Behinderung aufweist. Zwei ExpertInnen der Verteidigung hatten während des Verfahrens eine geistige Behinderung bestätigt. Einer von ihnen hatte den IQ von Ernest Lee Johnson bestimmt und erklärt, dass dieser bei 67 läge. Zudem sagten beide, dass er in verschiedenen Bereichen Anpassungsschwierigkeiten habe und sich seine geistige Behinderung bereits vor Vollendung des 18. Lebensjahrs manifestiert habe. Der Mitarbeiter des hinzugezogenen staatlichen Experten ermittelte zwar ebenfalls einen IQ von 67, dieser gab jedoch an, Ernest Lee Johnson würde simulieren. Der Experte der Verteidigung stritt dies wiederrum ab und gab an, mithilfe von Untersuchungen ausgeschlossen zu haben, dass Ernest Lee Johnson simuliert. Die Staatsanwaltschaft erklärte gegenüber den Geschworenen, dass „anzunehmen, dass es wahrscheinlicher ist, dass dieser Mann eine geistige Behinderung hat, als dass er gesund ist, eine Beleidigung ist, eine Beleidung der Opfer“. Der Oberste Gerichtshof von Missouri bestätigte das Todesurteil 2008 und erklärte, dass „die Entscheidung der Geschworenen respektiert“ werden müsse.

Drei der sieben RichterInnen widersprachen dem jedoch und argumentierten, dass die Tatsache, «dass der Angeklagte beweisen musste, dass er geistig behindert ist, die Entscheidung – ob Johnson zum Tode verurteilt werden sollte – willkürlich erscheinen lässt» und dass die widersprüchlichen Fakten in diesem Fall «zeigen, dass das Ergebnis – Leben oder Tod – durchaus davon abhängen kann, bei welcher Seite die Beweislast liegt».

Amnesty International wendet sich in allen Fällen, weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe.

HINTERGRUNDINFORMATIONEN – Auf Englisch

The US Supreme Court ruled in Atkins v. Virginia on 20 June 2002 that the execution of people with intellectual disability contravened a national consensus and was unconstitutional. Among other things, the Court pointed to the “consistency of the direction of change” of state-level legislation on this issue, and pointed out that in 2000 and 2001 alone, six states, including Missouri, had “joined the procession” by enacting bills against such use of the death penalty. The Atkins ruling pointed to clinical definitions of “mental retardation” as a disability, manifested before the age of 18, characterized by significantly sub-average intellectual functioning, and with limitations in two or more adaptive skill areas. It left it to states to develop “appropriate ways to enforce the constitutional restriction”, resulting in a degree of inconsistent application across the country. At Ernest Johnson’s third sentencing in 2003, the judge instructed the jurors that if they unanimously found “by a preponderance of the evidence” that Ernest Johnson had intellectual disability, then they would have to return a verdict for life imprisonment without parole. The defence objected to this instruction, arguing that it should have been the prosecution’s burden to prove Ernest Johnson did not have intellectual disability. In addition to the evidence of his intellectual disability, Ernest Johnson has been diagnosed with Fetal Alcohol Syndrome, the most serious condition on the group of conditions known as Fetal Alcohol Spectrum Disorders (FASDs). According to Ernest Johnson’s lawyers, his mother abused alcohol and drugs from around the age of 10, and by the time she was pregnant with Ernest at the age of 18 she was reported to be drinking large quantities of gin and whisky, as well as taking sedatives. According to the lawyers, as well as turning to prostitution herself to earn money to support her addiction, Ernest Johnson’s mother prostituted him too, with the child rewarded with alcohol and drugs, leading to his own substance abuse problems. In or around 2008, it was discovered that Ernest Johnson had a meningioma brain tumour. He underwent surgery on 28 August 2008 to remove part of the tumour (it could not be removed in its entirety). Since the surgery, Ernest Johnson has suffered from seizures and has been prescribed anti-seizure medication on death row. His lawyer has filed a complaint in federal court seeking an injunction against the execution, arguing that his lethal injection could cause him to have violent seizures which would render his execution unconstitutional. In an affidavit signed on 22 October 2015, filed with the complaint, an expert in anaesthesiology and surgery states: “In the setting of lethal injection, Mr Johnson will be physically restrained on a gurney. If Mr Johnson should have a seizure, and this is a significant possibility, it will be observed as a violent struggle against his restraints; he will likely urinate as well. As a result of Mr Johnson’s brain tumor, brain defect, and brain scar, a substantial risk of serious harm will occur during his execution as a result of a violent seizure that may be induced by Pentobarbital injection. Generalized seizures, such as the one that would occur in Mr Johnson, are severely painful. Pentobarbital is a drug in the barbiturate class… Pharmacologically, barbiturates like Pentobarbital are known to actually exaggerate pain. That is, they make pain worse… I am of the medical opinion that Mr Johnson faces a significant risk for a serious seizure as the direct result of the combination of the Missouri lethal injection protocol and Mr Johnson’s permanent and disabling neurologic disease”.

The US Supreme Court overturned the USA’s death penalty laws in 1972, but upheld revised laws in 1976. Since 1976, there have been 1,418 executions in the USA, 86 of them in Missouri. There have been 24 executions in the USA this year, six of them in Missouri. Amnesty International opposes the death penalty in all cases, unconditionally. Today, some 140 countries are abolitionist in law or practice.

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