Menschenrechtsverteidiger in Gefahr
Am 13. Januar ist der Menschenrechtsverteidiger Abelardo Sánchez Serrano von zwei bewaffneten Männern massiv bedroht worden. Der Zwischenfall ereignete sich in der Stadt Barrancabermeja im Departamento Santander. Das Leben des CREDHOS-Mitarbeiters ist in Gefahr.
Abelardo Sánchez Serrano ist Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Corporación Regional para la Defensa de los Derechos Humanos (CREDHOS) in Barrancabermeja. Am 13. Januar war er auf dem Weg zum CREDHOS-Büro, als sich ihm zwei Männer auf einem Mororrad näherten. Einer der Männer zog eine Pistole und rief Abelardo Sánchez Serrano zu, er solle aufhören, „die Streitkräfte zu verleumden“. Der Mann fuhr fort: „Einen der Hurensöhne von CREDHOS haben wir bereits ins Gefängnis gebracht. Sollte es nötig sein, wird den anderen das Gleiche passieren, um euch mundtot zu machen“ (de estar denigrando de la fuerza pública que ya tenemos a un hijueputa guerrillero de Credhos encarcelado y que si es necesario si hay quedarle al resto, pues lo haremos para acallarlos). Bevor die Männer fortfuhren, drohten sie Abelardo Sánchez Serrano, er habe noch genau 72 Stunden Zeit, um die Stadt zu verlassen. Der Menschenrechtler fürchtet nun nicht nur um sein eigenes Leben, sondern auch um das der übrigen CREDHOS-AktivistInnen.
CREDHOS setzt sich im Departamento Santander und angrenzenden Regionen dafür ein, dass den Opfern von Menschenrechtsverletzungen Gerechtigkeit zuteil wird. Verantwortlich für Verstösse gegen die Menschenrechte sind dort die Sicherheitskräfte, die teilweise gemeinsame Sache mit paramilitärischen Gruppen machen. CREDHOS hat sich in den vergangenen Jahren zudem in mehr als 20 Fällen aussergerichtlicher Hinrichtungen von Zivilpersonen durch Angehörige der Streitkräfte eingesetzt. Das Militär behauptet jedoch wider besseres Wissen, bei den Opfern habe es sich um „Guerillakämpfer“ gehandelt, die bei Gefechten ums Leben gekommen seien. Am Vortag der Drohungen gegen Abelardo Sánchez Serrano hatte CREDHOS gemeinsam mit anderen eine Pressekonferenz vorbereitet, um an den 23. Jahrestag der Tötung von zwölf JustizmitarbeiterInnen am 18. Januar 1989 im Departamento Santander zu erinnern. Die Justizangestellten hatten seinerzeit eine mögliche Verwicklung der Streitkräfte und paramilitärischen Gruppen in den Tod von 19 Menschen untersucht und waren ihrerseits von Paramilitärs getötet worden, die wiederum in geheimer Absprache mit den Streitkräften gehandelt hatten.
Hintergrundinformationen
CREDHOS ist eine regional tätige Menschenrechtsorganisation, die sich in der Gegend von Barrancabermejo und in Magdalena Medio dafür einsetzt, dass Menschenrechtsverletzungen geahndet werden. In den zurückliegenden Jahren sind CREDHOS-AktivistInnen immer wieder mit dem Tod bedroht worden. Der CREDHOS-Mitarbeiter David Ravelo Crespo befindet sich seit September 2010 unter der Anschuldigung in Haft, Verbindungen zu Guerillagruppen zu unterhalten. Menschenrechtsorganisationen vermuten hinter der Anklage gegen David Ravelo Crespo den Versuch, CREDHOS zum Schweigen zu bringen und das Ansehen der Organisation zu ruinieren. Die Sicherheitskräfte und paramilitärische Gruppen haben in der Vergangenheit Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften immer wieder als Kollaborateure oder Unterstützer der Guerilla gebrandmarkt und ihre Mitglieder bedroht, verschleppt oder getötet. Auch Guerillagruppierungen haben MenschenrechtsverteidigerInnen und GewerkschafterInnen bedroht und getötet, weil sie sie verdächtigten, mit dem Feind zu kooperieren.
Im Laufe des bewaffneten innerstaatlichen Konfliktes, der sich schon über vier Jahrzehnte hinzieht, haben die Sicherheitskräfte systematisch zahlreiche Menschen aussergerichtlich hingerichtet. Das Vorgehen der Sicherheitskräfte ist Teil ihrer Strategie der Aufstandsbekämpfung. Die Generalstaatsanwaltschaft Kolumbiens untersucht mehr als 2000 Vorfälle aussergerichtlicher Hinrichtungen, für welche die Sicherheitskräfte verantwortlich sein sollen. In Kolumbien sind immer wieder Menschen, die Gerechtigkeit für die Opfer von aussergerichtlichen Hinrichtungen eingefordert haben, von den Sicherheitskräften oder ihren paramilitärischen Verbündeten mit dem Tod bedroht oder ermordet worden.

